Industrie: Konjunktureller Wettersturz
IV-Konjunkturbarometer mit größter Einbuße seit dem 3. Quartal 2001 – markante Verschlechterung von Auftrags- und Ertragslage – Beschäftigung noch stabil – IV-GS Beyrer: Verunsicherung nicht durch wirtschaftspolitisch kontraproduktive Forderungen im Wahlkampf verstärken – Neue Bundesregierung muss hochprofessionelle Standortpolitik machen„Ein konjunktureller Wetterumschlag hat den Abstieg vom Gipfel der österreichischen Industriekonjunktur im zweiten Quartal drastisch beschleunigt. Der makroökonomische Gegenwind schlägt massiv auf den aktuellen Geschäftsgang der Unternehmen durch, während sämtliche Erwartungsindikatoren eine noch weitergehende Abschwächung anzeigen", fasst der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Markus Beyrer, das Hauptergebnis der aktuellen IV-Konjunkturumfrage zusammen. „Das aktuelle Bild ist von der Überzeugung geprägt, dass die rezessiven Tendenzen nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in einzelnen europäischen Ländern wie Dänemark und Italien die österreichische Ausnahmekonjunktur der beiden zurückliegenden Jahre an ihr jähes Ende geführt haben".
Gegenüber dem 1. Quartal 2008 fällt das IV-Konjunkturbarometer, das als Mittelwert aus den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der Geschäftslage in 6 Monaten gebildet wird, von 36 Punkten auf 22 Punkte. Dies entspricht der größten Einbuße seit dem 3. Quartal 2001. Die Lagekomponente bildet sich drastisch um 20 Punkte (Saldo +47 nach +67) und damit bereits zum vierten Mal in Folge zurück, während die Erwartungskomponente von einem bereits niedrigen Saldo von +6 Punkten sogar in negatives Territorium (Saldo -2) abstürzt. Diese Entwicklung komme zu einem politisch „sensiblen" Zeitpunkt, so Beyrer. Angesichts der anstehenden Neuwahlen „darf die konjunkturelle Verunsicherung nicht durch wirtschaftspolitisch kontraproduktive Forderungen im Wahlkampf verstärkt werden. Darüber hinaus muss die nächste Bundesregierung eine hoch-professionelle Wirtschafts- und Standortpolitik „fahren", damit Österreich keinen Einbruch bei Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand erleidet."
Nach den Wahlen sei rasch eine neue Bundesregierung zu bilden, die sich um eine Steuerreform, die Wachstum und Beschäftigung stärkt, kümmert. Weiters muss der Fachkräftemangel wirksam bekämpft, und eine umfangreiche Headquarter- und Leitbetriebepolitik umgesetzt werden. Zu letzterer gehöre neben der Steuerreform und einer kriteriengeleiteten Zuwanderungspolitik insbesondere die Sicherstellung einer umweltverträglichen Industriepolitik und die weitere Attraktivierung der Forschungsförderung. „Der Ausbau der Wettbewerbsvorteile in der Forschungspolitik stellt insgesamt einen Schlüssel für die erfolgreiche Standortpolitik der Zukunft dar", betonte der IV-Generalsekretär.
Die Ergebnisse im Detail
„Die österreichische Industrie stellt sich auf eine zumindest bis in das Jahr 2009 hineinreichende Phase erheblicher konjunktureller Turbulenzen ein", analysiert IV-Chefökonom Dr. Christian Helmenstein, die Ergebnisse der IV-Konjunkturumfrage. „Das seit März an den internationalen Börsen zu beobachtende Auspreisen des Risikos einer systemischen Krise des internationalen Finanzsystems wird in diesen Tagen durch das Einpreisen des Risikos einer mehrere Quartale andauernden, realwirtschaftlichen Schwächephase in den Industrieländern abgelöst."
Die bis in das erste Quartal hinein auf sehr gutem Niveau angesiedelten Auftragsbestände haben in den letzten Wochen einen erheblichen Dämpfer erlitten. Schwächer entwickelten sich sowohl die inländischen als auch die ausländischen Bestellungen, sodass sich die Gesamtauftragsbestände um 21 Punkte auf einen Saldo von +47 Punkten verminderten, während der Saldo der Auslandsaufträge von +62 Punkten um 20 Punkte auf +42 Punkte abnahm.
In saisonbereinigter Betrachtung wird das Produktionswachstum in den Sommermonaten nahezu zum Stillstand kommen. Somit erreicht nunmehr auch die durchschnittliche Kapazitätsauslastung ihren oberen zyklischen Wendepunkt, zumal als Ergebnis der Investitionstätigkeit der vergangenen Quartale noch verstärkt zusätzliche Produktionskapazitäten operativ werden. Die schon seit drei Quartalen zu beobachtende Rücknahme des Expansionstempos der Industrieproduktion wird jedoch angesichts eines sich beschleunigenden Aufbaus der Fertigwarenlager voraussichtlich noch nicht ausreichen, die Auftragsreichweite bei einer mutmaßlich weiter rückläufigen Dynamik der Auftragseingänge zu stabilisieren.
„Dass der positive Beschäftigungstrend vor diesem Hintergrund dennoch bis in die zweite Jahreshälfte 2008 hinein anhalten wird, unterstreicht das Ausmaß der eklatanten Fachkräftelücke in Österreich. Derzeit noch saugt der Nettonachfrageüberhang - ausgehend von gut der Hälfte der Unternehmen mit noch hoher Auslastung und mindestens gutem Auftragsbestand - alle verfügbaren qualifizierten Industriearbeitskräfte kurzfristig auf. Dies impliziert zugleich, dass dem Land aufgrund des Fachkräftemangels der vergangenen Jahre in nennenswertem Umfang Wachstum und Einkommen entgangen ist", stellt IV-Generalsekretär Beyrer fest.
Das anhaltende hohe Niveau des Wechselkurses der europäischen Gemeinschaftswährung in Verbindung mit einer nachlassenden Mengenkonjunktur mindert nach Einschätzung der befragten Unternehmen auf Sicht von drei Monaten die Chance, den erheblichen Kostendruck über höhere Verkaufspreise zumindest zum Teil weiterzugeben. Der Indikator der Verkaufspreise fällt dementsprechend weiter um 4 Punkte bis auf die Nulllinie zurück.
Obwohl die hohe Kostendynamik bei wechselkurs- und nachfragebedingt erheblichem Margendruck die seit siebeneinhalb Jahren schärfste Revision der Ertragserwartungen im Vorquartal auslöste, geht der Indikator abermals leicht um 2 Punkte auf einen Saldo von nunmehr -1 Punkt zurück. Vor dem Hintergrund einer weiterhin stabilen Beschäftigungslage und einer höheren Kapitalausstattung signalisiert dies eine rapide abnehmende Investitionsrentabilität, die sich nunmehr auch in einer zurückhaltenden Beurteilung der gegenwärtigen Ertragslage niederschlägt (Saldo +32 nach +46). Dieser Befund gibt zu einer pessimistischen Prognose der nächstjährigen Investitionstätigkeit in der Industrie Anlass.
Zur Befragungsmethode
An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 456 Unternehmen mit mehr als 299.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt - ähnlich wie bei dem bekannten deutschen IFO-Konjunkturklimaindex - folgende Methode zur Anwendung: den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo" aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.
Fotos

v.l.n.r.: IV-Chefökonom Christian Helmenstein, IV-Generalsekretär Markus Beyrer, IV-Kommunikationschef Christoph Neumayer
Downloads
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Konjunkturumfrage 2. Quartal 2008 - Grafiken
(PDF)
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Konjunkturumfrage 2. Quartal 2008 - Datenblätter
(PDF)
