27.07.2010

Internet: Leitmedium oder Zusatznutzen

Über 100 interessierte Teilnehmer diksutierten beim 5. Salzburger Medien und Technologie Roundtable über die Zukunft der Medienwirtschaft.

„Das Internet ist noch nicht so weit, stabile Medien vom Markt zu verdrängen, es steckt noch in den Babyschuhen"

Bei der Diskussionsveranstaltung unter dem Motto „Internet makes the TV-Star" wurde ein Blick in die Zukunft der Medienwirtschaft versucht. Die Frage nach der Bedeutung des Internet in der Medienlandschaft führte zu sehr unterschiedlichen Meinungen am Podium.

Keynote von ÖVP-Mediensprecher Karl Heinz Kopf
NR Karl Heinz Kopf, ÖVP-Klubobmann und Mediensprecher, ging in seiner Keynote unter anderem auf die gegenwärtige Lage in der österreichischen Medienlandschaft ein. „Österreich hat viel zu spät mit der Öffnung des Marktes für private Anbieter begonnen, so Kopf. Die Folgen seien ein angeschlagener ORF, kaum entwickelte private Rundfunkunternehmen sowie die Dominanz der deutschen Rundfunkunternehmen in Österreich. Den ORF bezeichnete der ÖVP-Mediensprecher als privilegiert, unter anderem am privaten Werbemarkt und in Hinblick auf die Rundfunkgebühren. Weiters sei die Finanzstruktur des ORF sehr problematisch.
Kopf unterstrich auch die Bedeutung der österreichischen Filmwirtschaft. Sie dürfe nicht unterschätzt werden und sei eine Wachstumsbranche so der ÖVP-Mediensprecher. Er zeigte sich auch stolz über das Zustandekommen der neuen österreichischen Filmförderung nach dem Rabattmodell der deutschen Filmförderung. „Hier gibt es eine Hebelwirkung bei den Investitionen von ein zu fünf", so Karl Heinz Kopf. Es gehe dabei vor allem um die wirtschaftliche Förderung der heimischen Filmschaffenden. Aber auch der Tourismus profitiere davon, betonte Kopf.
Seine Sorge äußerte der Keynote-Speaker über die Gratis-Kultur im Internet: „Gibt es in einigen Jahren die derzeitigen Content-Produzenten noch, die derzeit Inhalte produzieren die von anderen gratis genutzt werden?"

Impulsstatement von ORF-Finanzdirektor Grasl
Mag. Richard Grasl, der kaufmännische Direktor des ORF ging in seinem Impulsstatement auf die wirtschaftliche Bedeutung des Internet für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein. Grasl betonte zwar, dass das Internet heute auch für klassische Medien sehr wichtig sei, allerdings werde es klassische Medien nicht verdrängen oder ersetzen.
Das Internet sei vom Fernsehen nicht sehr weit entfernt, sagte Grasl. Zumindest die technische Übertragung beider Medien funktioniere heute schon auf sehr ähnliche Weise. „Das Internet ist kein Konkurrenzprodukt zu Radio und Fernsehen sein, sondern einen weitere Plattform über die Fernsehen und Radio laufen", postulierte der ORF-Finanzchef. Dem World Wide Web rechnete Grasl in seinem Statement eine eher begleitende Rolle zu den klassischen Medienkanälen ein. Der ORF will sich künftig von der Vielfalt von Inhalten im Internet, durch das Anbieten von qualitativ sehr hochwertigem Content unterscheiden, betonte Richard Grasl.
Zu sozialen Plattformen wie Facebook sagte Grasl, der ORF müsse sie ernst nehmen. Allerdings sollte das Medienhaus Themen, die in den sozialen Plattformen sehr stark diskutiert werden, recherchieren und aufbereiten und dann über die klassischen Medienkanäle senden. Das Ignorieren von Web 2.0 Plattformen wäre falsch, so der ORF-Finanzdirektor.

 

Podiumsdiskussion: „Internet makes the TV-Star"
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde einen Blick in die Zukunft der Medienwirtschaft versucht. Dabei gab es durchaus sehr gegensätzliche Sichtweisen.

Navid Kiani Larijani, Experte für Internetmarketing und Verantwortlicher für zehn Blockbuster Videospiele war überzeugt, dass derzeit ein Umschwung in der Medienlandschaft im Gange ist. So ist in Deutschland Video on Demand stark im Kommen und gewinnt gegenüber klassischem Fernsehen an Bedeutung. Eine Grundlage dafür sind die steigenden Downloadgeschwindigkeiten der Breitband-Internetanschlüsse. „Das Internet wird ein neuer Distributionsweg werden. Den TV-Star wird das Internet allerdings nie killen", sagte der Internetmarketing-Experte. Es stecke zurzeit noch in den „Babyschuhen".
Das Internet habe als Distributionsweg international aber schon jetzt sehr großes Potenzial. Über You Tube beispielsweise würden Menschen in kürzester Zeit international bekannter werden als jeder österreichische Star, sagte Larijani. Europäische TV-Sender hätten es bisher größtenteils verabsäumt das Internet als internationalen Distributionsweg für ihre Inhalte zu nutzen.
Als Internetverweigerer bezeichnete sich der Münchener Film und TV-Regisseur Bernd Fischerauer. Er pochte auf die Qualität und die Einhaltung eines öffentlich-rechtlichen Auftrags nach Bildung und Information. Gleichzeitig kritisierte Fischerauer, dass kaum ein Sender im deutschsprachigen Raum diesen Auftrag erfüllen könne. Dr. Hubert Novak, Redaktionsleiter bei 3Sat Österreich sah das Fernsehen als wesentlichen Inhaltslieferanten für das Internet und wandelte das Motto der Veranstaltung in „Internet needs the TV-Star" um.

Die Sichtweise der privaten Sendeanstalten vertrat bei der Podiumsdiskussion Johannes Legard von Servus TV. „Für Servus TV war das Internet ein sehr wichtiges Tool gerade wenn man neu anfängt", sagte Legard. Eine Verbreitung des Senders nur über die verschiedenen Kabelnetze wäre weitaus schwieriger gewesen, so der Station Manager von Servus TV. Den Medienstandort Salzburg weiß Legard durchaus zu schätzen, er sei auf einem guten Weg. Derzeit beschäftigt Servus TV in Salzburg rund 150 Mitarbeiter von denen „erheblich viele" aus Salzburg stammen.

Aus dem Publikum wurde vor allem die Frage nach der Vereinbarkeit von hohem Qualitätsanspruch bei gleichzeitigem Sparzwang in Medienbetrieben gestellt. Regisseur Reinhard Schwabenitzky und ORF Finanzdirektor Mag. Richard Grasl waren dabei geteilter Meinung. Der Arbeitsaufwand für die Produzenten steige mit den neuen und höheren Qualitätsstandards deutlich, mahnte Schwabenitzky. Finanzdirektor Grasl verwies auf den Kostendruck. In der Fernsehproduktion orientiere man sich bei den Kosten an internationalen Benchmarks. Grasl gestand auch ein, dass es ein „Spagat" sei, hohe Qualität zu leistbaren Kosten zu produzieren. Einen Qualitätsverlust bei den Inhalten befürchtete der Finanzdirektor dadurch nicht. Einig waren sich die Regisseure, dass die Produzenten stark unter dem Kostendruck und Arbeitsaufwand zu leiden haben.

 

Der 5. Salzburger Medien und Technologie Roundtable ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Industriellenvereinigung Salzburg (IV) und Moonlake Entertainment. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Wissenspark Urstein, Cable Link by Salzburg AG, Innovation und Technologietransfer Salzburg (ITG), Standortagentur Salzburg und Salzburg Plus Television.


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IV Geschäftsführerin Mag. Irene Schulte im Kreise der Keynote-Speaker und Diskutanten
IV Geschäftsführerin Mag. Irene Schulte im Kreise der Keynote-Speaker und Diskutanten



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