27.08.2010

Streit um die Überstunden

Gewerkschaft will Verteuerung für Arbeitgeber - Industrie spricht von „naiv und weltfremd"

Bereits vor dem eigentlichen Auftakt der wichtigen Metaller-Lohnrunde ist heuer eine lebhafte Diskussion um die Überstunden aufgeflammt. Um die Beschäftigung in Österreich zu erhöhen, fordern sowohl Wirtschaftsforscher als auch die Gewerkschaft die Reduktion der Überstunden.

Der Gewerkschaftsbund will die Überstunden für die ­Arbeitgeber teurer machen, das Wirtschaftsforschungsins­titut (Wifo) will hingegen die Steuerbegünstigung für die Arbeitnehmer abschaffen. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner bremst und kann solchen Überlegungen wenig abgewinnen. Der richtige Ansatz wäre vielmehr, die Flexibilisierung zu erweitern.

Die Vorschläge des Wirtschaftsforschungsinstitutes und der Gewerkschaft stoßen auch in der Vorarlberger Industrie auf Ablehnung.

So meint etwa Mag. Michaela Wagner, Geschäftsführerin der Industriellenvereinigung Vorarlberg: „Die Vorschläge der Gewerkschaft zum Thema Überstunden sind aus unserer Sicht naiv und weltfremd. In Zeiten wie diesen brauchen wir mehr Flexibilität und nicht weniger. Sämtliche Einschränkungen, Bestrafungen oder Verbote würden Arbeitsplätze vernichten."

Für Christoph Hinteregger (Doppelmayr, Wolfurt), Chefverhandler bei der Metallerlohnrunde, werden Überstunden einerseits geleistet, weil Arbeitsspitzen abgedeckt werden müssen, aber auch, weil die benötigten Fachkräfte fehlen und die Arbeitgeber nach der Krise mit Neueinstellungen vorsichtig sind. Die gesetzlichen Möglichkeiten einer Arbeitszeitflexibilisierung würden durch kollektivvertragliche Bestimmungen eingeengt, die den Fakten nicht Rechnung tragen und die nur mit Zustimmung der Gewerkschaft verändert werden können. Außerdem habe heute Österreich mit seinen Zuschlägen schon die teuersten Überstunden im Verhältnis zu Deutschland und der Schweiz.

 

„Keine Dauereinrichtung"

Er kontert damit dem Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten, Bernhard Heinzle. Dieser wirft den Arbeitgebern vor, im Gesetz vorgesehene Möglichkeiten der Arbeitszeitflexibilisierung gar nicht auszunutzen. Außerdem würden Überstunden nicht überall bezahlt. Überstunden sollten auch keine Dauereinrichtung werden. Aber auch für Mag. Wolfgang Pfister von Liebherr in Nenzing ist eine mögliche Reduktion der Überstunden nicht praxisgerecht. Gerade bei Liebherr, wo es kurzfristig im Großaufträge mit bis zu 70.000 Fertigungsstunden gehe, sei eine flexibel handhabbare Überstundenregelung notwendig.

 

Flexibilisierung sichert Jobs

Gerhard Blum, Geschäftsführer des Beschlägeherstellers Blum in Höchst, ist es an der Zeit, dass die Gewerkschaft „althergebrachte Denkmuster" aufgibt. Denn: „Arbeitsplätze sind nicht beliebig verteilbar. Man brauche die Flexibilität, um Spitzen abdecken zu können und andererseits um in Zeiten, an denen weniger Nachfrage herrscht, die Stammbelegschaft halten zu können. Nur mit solchen guten Flexibilisierungsmaßnahmen, die wir mit dem Betriebsrat gemeinsam beschlossen haben, sind wir ohne Kündigungen durch die jüngste Krise gekommen.


[ VN ]
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